Eco Fair Fashion

Wie nachhaltig ist Secondhand Kleidung?

Wie nachhaltig ist Secondhand Kleidung? Diese Frage wirkt erstmal leicht zu beantworten. Ein gebrauchtes Kleidungsstück ist nachhaltiger als ein neu gekauftes, da das Textil bereits in Umlauf ist und keine neuen Ressourcen verbraucht werden müssen. So weit, so gut. Die Thematik rund um Secondhandkleidung ist allerdings komplexer, als sich auf den ersten Blick erkennen lässt.

Woher kommt die Kleidung in Secondhandstores?

Woher beziehen Secondhand Stores wie Pick’n Weight oder Pop Up Geschichten wie VinoKilo? In grossen Städten wird da an einem Samstagnachmittag eine Halle gemietet, ein DJ legt auf, es gibt Wein – und eben Vintage Kleidung zum Kilopreis. Woher kommen aber die ganzen Klamotten direkt aus den 90ern?

Bei meinem letzten VinoKilo Besuch ist mir ein dunkelgrüner Sweatshirt Pullover aufgefallen. Nicht, weil er besonders schön war, sondern weil drei Stück davon nebeneinander an der Stange hingen. Naja, kann vorkommen. Wenige Meter weiter entdeckte ich diesen Pullover aber nochmal an einer Stange, wieder in mehrfacher Ausführung. Ich sollte das dunkelgrüne Vintageteil noch ein paar Mal an den Kleiderbügeln finden, und das hat mich stutzig gemacht. Wo kommen diese Klamotten denn eigentlich alle her? Geht es bei solchen Vintage-Trend-Hipster-Veranstaltungen nicht auch darum, einzigartige Kleidungsstücke zu finden, die bereits unsere Grosseltern getragen haben?

Die Containerlüge

Viele Leute sortieren ein oder zwei Mal im Jahr ihren Kleiderschrank aus, seit dem Aufräumhype Marie Kondo vielleicht öfter. Aber wohin mit den ganzen Sachen, die man nicht mehr trägt? Ein kleiner Teil wird wahrscheinlich verkauft (Flohmarkt, Kleiderkreisel etc.), ein weiterer überschaubarer Anteil wird weggeworfen, weil die Sachen vielleicht ein Loch haben oder etwas verwaschen sind (dabei kann man viele Kleidungsstücke mit wenig Aufwand aufwerten). Der Grossteil aber landet in Säcken und wird in einen Container in der nächsten Strasse geworfen. Das beruhigt das Gewissen ungemein, schliesslich tut man etwas Gutes und hinterlässt seine Kleidung armen Menschen in Afrika oder Südostasien. Aber was passiert eigentlich mit unserer Kleidung, die in den Containern landet?

Unsere aussortierte Kleidung aus den Altkleidercontainern wird erst durchsortiert, 30 bis 40 Prozent davon sind noch tragbar und werden weiterverkauft (zB an Secondhandläden). Was nicht mehr getragen werden kann, wird zu Putzlappen weiterverarbeitet oder als Dämmmaterial in der Automobilindustrie genutzt. Der Grossteil unserer gespendeten Kleidung wird allerdings mit einem Centpreis pro Kilo an einen Markthändler in Afrika verkauft.

Afrika will unsere Kleidung nicht

Unsere gut gemeinte Spende zerstört den lokalen Textilmarkt. Denn Altkleider aus Europa können viel billiger verkauft werden als die vor Ort produzierte Kleidung. Länder wie Tansania sind soweit gegangen, dass sie den Textilimport aus Europa gestoppt haben. Vor dieser Massnahme kamen in Tansania monatlich rund 40’000 Tonnen Altkleider an.

Der Handel mit Altkleidern schafft zwar Arbeitsplätze, kleine Händler können sich durch An- und Verkauf von gebrauchter Kleidung eine Existenz aufbauen. Allerdings herrschen im Handel mit Altkeidern in Afrika vielerorts Korruption, Zölle werden nicht bezahlt und Grossimporteure bestimmen den Markt. Fraglich bleibt, ob das ein Argument gegen Altkleiderhandel ist oder ob nicht die jeweiligen Regierungen dagegen ankämpfen sollen. Es wäre natürlich besser und wirtschaftlich um einiges nachhaltiger, würde der lokale Textilmarkt gefördert werden.

Ich habe zum Thema Altkleider bereits einen Blogpost geschrieben, wo ich noch etwas genauer auf die Thematik eingehe und untere anderem erkläre, welche Rolle China im Altkleiderhandel spielt und wieso Recycling nicht die Lösung ist. Du kannst ihn hier lesen.

Geld verdienen mit (alter) Kleidung

Ich kaufe gerne Secondhand, vor allem aus dem in der Einleitung genanntem Nachhaltigkeitsgedanken. Gebrauchte Kleidung schont nicht nur die Umwelt, sondern auch meinen Geldbeutel. Ich stöbere regelmässig auf Kleiderkreisel, Mädchenflohmarkt und Ebay Kleinanzeigen. Oft suche ich gezielt nach Sachen, manchmal lasse ich mich auch einfach in die Tiefen des Internets ziehen und schaue, was es denn so alles gibt. Und immer wieder fällt mir auf, wie viele Kleidungsstücke angeboten werden, die selten oder sogar nie getragen wurden. “Neu und ungetragen” heisst es in der Beschreibung, an manchen Shirts und Hosen ist noch das Etikett dran. An Marken ist alles vertreten, was die Fast Fashion Welt so zu bieten hat: H&M, Zara, Mango, Levi’s, Bershka und wie sie alle heissen.

Unterstütze ich mit meinem gut gemeinten Kauf indirekt die ausbeuterische Modeindustrie, der ich eigentlich abgeschworen habe? Schliesslich bin ich mit einem Paar Nike Turnschuhen immer noch eine Werbefläche für die Brand – ob ich die Sneaker gebraucht erworben habe, spielt dabei keine Rolle. Und was passiert mit meinem Geld? Rennt der Verkäufer damit in die nächste Shoppingmall und deckt sich mit neuer Fast Fashion Kleidung ein, die nach wenigem Tragen (oder komplett neu) wieder im Internet landet? Spart die Person mit dem Erlös auf einen Langstreckenflug (ökologisch gesehen eine Katastrophe)? Oder möchte die Person ihren Kleiderschrank minimieren und auf fair produzierte Kleidung setzen? Ich kann und werde es, ausser ich frage konkret nach, nicht wissen.

Ist Secondhand also schlecht?

Nein. Es geht mir in diesem Blogpost nicht darum, gebrauchte Kleidung zu verteufeln – im Gegenteil. Denn wie bereits erwähnt, hat Secondhand viele Vorteile, allen voran die Entlastung der Umwelt. Es erfordert etwas Geduld, nicht immer findet man sofort ein passendes Teil. Mit Glück kuratiere ich mir durch gebrauchte Kleidung einen Kleiderschrank aus außergewöhnlichen Teilen, die nicht jeder hat und setze damit auf Klasse anstatt auf Masse.

Ich möchte mit diesem Artikel in Erinnerung rufen, dass Nachhaltigkeit ein komplexes Thema ist und es nicht DIE eine Lösung gibt für unsere Probleme. Es lohnt sich immer, Dinge sowie das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen. Am nachhaltigsten ist es, seinen Konsum zu hinterfragen und, vor allem, zu reduzieren.Kritisch bleiben, privat verkaufen/verschenken, woher kommt meine Kleidung, Konsum reduzieren


Empfehlungen zum Thema:

ARD “Die Altkleiderlüge”

A Mindful Mess: Wie können wir Textilmüll vermeiden?

Fashionchangers: Warum wir einen kritischeren Blick auf Secondhandkleidung brauchen

You Might Also Like

No Comments

    Leave a Reply