Eco Fair Fashion

Alles nur gelogen? Die Altkleiderproblematik

Du kennst das bestimmt…

Du öffnest deinen Kleiderschrank, möchtest dir etwas zum Anziehen raussuchen. Schiebst die Kleiderbügel hin und her, kramst zwischen deinen Shirts und Pullis, aber irgendwie magst du keine deiner Klamotten. Resigniert schliesst du deinen Kleiderschrank, ein negatives Gefühl überkommt dich. Bei der nächsten Gelegenheit kaufst du dir etwas neues, ein T-shirt vielleicht oder eine coole Hose. Durch deinen Einkauf fühlst du dich gut, du hast Freude an der neuen Kleidung und hast gute Laune. Dein neues Shirt trägst du nach ein paar Tagen zum ersten Mal, dann merkst du, dass es irgendwie doch nicht so ganz sitzt und eigentlich passt es auch gar nicht so zu deinem Stil. Nach dem ersten oder zweiten Tragen landet es in einer dunklen Ecke deines Kleiderschranks, wo du es schliesslich vergisst.

Einige Wochen später. Es ist ein schöner Frühlingstag und der perfekte Zeitpunkt, mal ordentlich auszumisten. Dein Kleiderschrank quillt über und es muss Platz geschaffen werden für die neuste Frühlingsmode. Da fällt dir dein Shirt in die Hände, das du aus einer Laune heraus gekauft hast und dann doch nie wirklich getragen hast. Schade eigentlich, denkst du dir. Das Shirt wandert in die Tüte für die Altkleidersammlung, wo sich schon ganz viele Hosen und Blusen und die ein oder andere Jacke tummeln, die alle auf ähnliche Art und Weise den Weg in deinen Kleiderschrank gefunden haben. Entledigung schafft bekanntlich Befriedigung und so fühlst du dich gut dabei, wenn du deine aussortierten Sachen in den Altkleidercontainer schmeisst. Schliesslich kommen deine Kleider Bedürftigen zu Guten. Aber tun sie das wirklich?

Was passiert mit unseren Altkleidern, wenn wir sie guten Gewissens in den Containern versenken?

Der Durchschnittsdeutsche kauft sich jedes Jahr 60 neue Kleidungsstücke. 40 Prozent unserer Kleidung tragen wir selten bis nie. Jährlich fallen in Deutschland 750’000 Tonnen Textilmüll an. Diese unfassbar hohe Zahl und das oben beschriebene, altbekannte Szenario verdeutlicht nur zu gut, wie Kleidung zu einem Wegwerfprodukt geworden ist. Unsere aussortierte Kleidung aus den Altkleidercontainern wird erst durchsortiert, 30 bis 40 Prozent davon sind noch tragbar und werden weiterverkauft (zb in Secondhandläden). Was nicht mehr getragen werden kann, wird zu Putzlappen weiterverarbeitet oder als Dämmmaterial (zb in der Automobilindustrie) genutzt. Der Grossteil unserer gespendeten Kleidung wird allerdings mit einem Centpreis pro Kilo an einen Markthändler in Afrika verkauft. Unsere gut gemeinte Spende zerstört den lokalen Textilmarkt, da Altkleider aus Europa viel billiger verkauft werden können als die dort produzierte Kleidung. Länder wie Tansania sind soweit gegangen, dass sie den Textilimport aus Europa gestoppt haben. Vor dieser Massnahme kamen in Tansania monatlich rund 40’000 Tonnen Altkleider an.

Schafft der Vertrieb von Altkleidern nicht auch Arbeitsplätze?

Ja, schafft er. Die Grosshändler verkaufen die Textilien an viele kleine Händler weiter, die sich so eine Existenz aufbauen können. Allerdings herrschen im Handel mit Altkeidern in Afrika vielerorts Korruption, Zölle werden nicht bezahlt und Grossimporteure bestimmen den Markt. Fraglich bleibt, ob das ein Argument gegen Altkleiderhandel ist oder ob nicht die jeweiligen Regierungen dagegen ankämpfen sollen. Und es wäre natürlich besser und wirtschaftlich um einiges nachhaltiger, würde der lokale Textilmarkt gefördert werden.

Welche Rolle spielt China?

Die afrikanische Textilindustrie leidet allerdings nicht nur unter europäischen Altkleidermassen, sondern auch unter Billigimporten aus China. Eindeutig gefälschte Markenkleidung und -accessoires kommen meist über Dubai nach Benin, von wo aus sie auf dem afrikanischen Kontinent verteilt werden. In Ländern wie Nigeria beherrscht die chinesische Ware den Markt, denn die Qualität ist gut und die Preise sind billig. Der Financial Times Reporter Tom Burgis schätzt, dass ca. 85% des nigerianischen Textilmarkts aus Importwaren besteht, und das, obwohl die Einfuhr von Textilien eigentlich verboten ist. Von ursprünglich 350’000 Arbeitern in der lokalen Produktion sind heute noch schätzungsweise 25’000 übrig. Besonders pervers: es gibt mehrere chinesische Firmen, welche Kleidung mit typisch afrikanischen Mustern herstellen und mit Etiketten versehen, auf denen dann “Made in Nigeria” steht.

Was ist mit Recycling?

Das mit dem Recycling ist so eine Sache. In der Theorie ein guter Weg, aus alten Produkten Neues zu schaffen. In der Praxis allerdings oft schwierig umzusetzen. Das Hauptproblem ist, dass Kleidungsstücke nicht mehr aus reiner Baumwolle oder reiner Viskose bestehen, sondern meist ein Mischgewebe sind. Schau mal auf den Zettel deines Shirts, es besteht sehr wahrscheinlich aus einer Mischung aus Baumwolle, Polyester und einem kleinen Elasthananteil. Polyester wird aus Erdöl gewonnen, ist somit eine Plastikfaser und problematisch für die Umwelt. Es ist billig und sehr beliebt in der Modeindustrie – mittlerweile die am meisten verwendete Faser in der Textilproduktion. Diese Mischgewebe sind sehr schwer zu trennen und damit hat Textilrecycling noch einen langen Weg vor sich.

Die oben genannte Verwertung von Altkleidern zu Putzlappen nennt man Downcycling, da das neu entstandene Produkt deutlich minderwertiger ist als zu Beginn. Ist der Putzlappen durch, endet er in der Verbrennungsanlage und somit wurde seine Lebensdauer nur minimal verlängert. Upcycling hat da schon grösseres Potenzial. Aus einem Herrenhemd mit zerissenen Ärmeln kann eine ärmellose Damenbluse genährt werden. Das Schweizer Label Freitag zum Beispiel macht aus alten Lkwplanen coole Taschen und Rucksäcke.

Was kann ich tun?

Der beste und einfachste Weg, etwas gegen die Altkleiderproblematik zu tun, ist weniger zu kaufen und seiner Kleidung besser Sorge zu tragen. Ein T-shirt verbraucht in seiner Herstellung ca 2700 Liter Wasser, das ist mehr als wir in 3 Jahren trinken. Überlege dir, ob du das Shirt wirklich brauchst oder es einfach nur aus einer Laune heraus kaufen willst. Kaufe Secondhand, denn diese Teile sind bereits in Umlauf und du schonst damit nicht nur die Umwelt, sondern auch deinen Geldbeutel. Repariere deine Kleidung; ein kaputter Reisverschluss ist kein Grund, deine Hose wegzuwerfen. Unterstütze Fair Fashion Labels, die bei der Produktion ihrer Kleidung auf die Umwelt achten und auf faire Arbeitsbedingungen und gerechte Entlöhnung setzen.

Wenn du dich dennoch von Kleidung trennst, habe ich hier ein paar Alternativen zum konventionellen Altkleidercontainer für dich:

  1. Verkaufe deine getragenen Sachen. Kleiderkreisel, Mädchenflohmarkt, Ebay Kleinanzeigen oder auf dem Flohmarkt in der Nachbarschaft kannst du deiner Kleidung ein zweites Leben schenken und verdienst dabei gleichzeitig noch etwas.
  2. Tausche Kleidung unter deinen Freunden oder in deiner Familie. Vielleicht wird deine aussortierte Bluse das neue Lieblingsteil deiner Cousine? Auch Kleidertauschpartys erfreuen sich immer grösserer Beliebtheit. Jeder bringt etwas mit und es wird untereinander getauscht. Schau einfach mal auf Facebook, es gibt bestimmt etwas in deiner Nähe.
  3. Apropos Facebook, dort gibt es auch viele Nachbarschaftsgruppen, wo du deine Sachen (nicht nur Kleidung) reinstellen kannst. Einfach mal nach “Free your Stuff” suchen. Oder du stellst eine Kiste mit einem Zettel “zu verschenken” vor deine Haustür, allerdings nicht ewig rumstehen lassen.
  4. Du kannst deine Kleidung auch zu einem Recyclingkaufhaus bringen, wo sie dann günstig weiterverkauft werden. Ich würde davor aber anrufen und nachfragen, ob überhaupt Bedarf besteht. Ausmisten liegt im Trend und die Kaufhäuser sind oft überfüllt mit Ware.
  5. Oder du machst aus deinen Sachen was Neues! Ich bin zwar nähtechnisch eher untalentiert (eigentlich sogar sehr untalentiert), habe aber letztens aus alten Tshirts Scrunchies gemacht, die echt schön geworden sind. Es gibt ganz viele einfach Anleitungen auf Youtube & Pinterest.
  6. Solltest du sie dennoch spenden wollen, dann informier dich vorher über die Organisation, denen du deine Kleidung gibst und was damit gemacht wird. Auf Fairwertung findest du viel Info über verschiedene Altkleidercontainer und welchen Organisationen du vertrauen kannst.


Quellen:

Süddeutsche Zeitung, abgerufen am 20.04.2019

Nachhaltig sein Interview mit Andreas Voget, abgerufen am 20.04.2019

Nachhaltig sein. Die andere Wahrheit über Altkleider in 10 Thesen, abgerufen am 22.04.2019

NZZ. Wie Spenden und Schmuggel die Textilindustrie in Afrika zerstören, abgerufen am 22.04.2019

Zeit. Textilrecycling: Zum Putzlappen reicht es immer, abgerufen am 22.04.2019

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